Scheitern oder lieber nicht?

“Ich akzeptiere es zu Scheitern, jeder scheitert an irgendetwas. Aber ich kann es nicht akzeptieren, es nicht zu versuchen.”
— Michael Jordan

Ganz im Sinne von Michael Jordan setze ich mir momentan jede Woche ein ganz besondere Challenge, etwas, das außerhalb meiner Komfortzone liegt. Immer mit dem Wissen, dass es vielleicht auch nicht klappen kann, dass ich beim Versuchen scheitere. Aber was ist schon Scheitern? Ein Gedanke im Kopf. Es gibt kein Scheitern, das sagt auch Tony Robbins, es gibt nur Resultate, die den gewünschten Resultaten, welche wir als Erfolg bezeichnen würden, nicht entsprechen.

“Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern”, dieses Zitat von Samuel Beckett bringt es auf den Punkt. Scheitern hört nie auf. Scheitern ist lernen, es gehört zum Leben. Was wir lernen können, ist den Begriff Scheitern anders zu verstehen als wir ihn bislang verstehen. Das erfordert natürlich in sich schon wieder einen gewissen Aufwand zum Umlernen und Scheitern. Aber dieser Aufwand ist es wert.

Wenn Scheitern auf der Hand liegt

Ich selbst bin Improvisationstheater-Schauspieler und Impro-Trainer. Beim Improtheater reden wird gerne von der “Lust am Scheitern”. Wir spielen aus dem Moment heraus Szenen, die kein festes Skript haben, die es noch nie zuvor so zu sehen gab und die es nie wieder so zu sehen geben wird (es sein denn jemand filmt sie und lädt sie bei YouTube hoch). Es kann zum Beispiel sein, dass sich das Publikum eine Szene wünscht, die auf einem Berg spielt. Als Beziehung bekommen wir Vater und Sohn vorgegeben. Zusätzlich bekommen wir einen ersten Satz und einen letzten Satz vorgegeben, mit denen die Szene beginnen und enden muss, z.B. “Es juckt mich” und “Donald Trump kommt zu Besuch”. Die Sätze, die Beziehung und den Ort bekommen wir wenigen Sekunden vor Szenenbeginn vom Publikum. Also können wir uns nicht im Vorfeld absprechen, da wir nicht wissen, was uns erwartet und was im Laufe der Szene passieren wird. Da liegt Scheitern auf der Hand.

Gleichzeitig hält sich das Scheitern in Grenzen, da wir im Spiel routiniert sind, da wir gut eingespielt sind und wissen, dass wir etwas Gutes aus dem Moment erschaffen können. Auf unserem Niveau habe wir eher die Aufgabe, nicht in alte Gewohnheiten zu verfallen und Figuren und Ideen zu nutzen, die wir ähnlich schon einmal genutzt haben. Aber gerade für Impro-Einsteiger ist die Angst vorm Scheitern doch immer wieder deutlich zu spüren, wie ich in meinen Kursen immer wieder erlebe. Für sie ist das alles (Impro-) Neuland, sie haben noch nicht das Knowhow, das es braucht, um im Moment auf der Bühne (fast) alles im Griff haben zu können. Wobei du niemals alles im Griff haben kannst, das ist gerade das Besondere am Improtheater. Die Impro-Komfortzone der Einsteiger ist noch deutlich kleiner als zum Beispiel meine, ihre Fallhöhe ist größer bzw. das Risiko zu Scheitern, nicht weiter zu wissen, keine Idee zu haben.

Früher hatte ich Angst vorm Singen

Lernen findet im gelben Bereich des Zonen-Modells statt. Der grüne Bereich ist die Komfortzone, unser bequemes, mentale Sofa, aus dem aufzustehen uns oft sehr schwer fällt. Doch bekannt findet nur dort wirkliches Lernen statt, wo wir nicht über und nicht unterfordert sind, also eben genau zwischen Komfort und Panik. Beim Improvisieren auf der Bühne habe ich mittlerweile sehr viel grün. Das war nicht immer so. Früher hatte ich regelrecht Angst, spontan auf der Bühne ein Lied zu improvisieren. Heute mache ich es einfach, oft sogar sehr gut und unterhaltsam. Lange Zeit habe ich mich davor geziert, weil ich in meinem Kopf Sätze hörte wie “Du kannst einfach nicht singen” (das hat meine Schwester irgendwann einmal zu mir gesagt, als ich noch sehr klein war), “die Zuschauer werden dich auslachen”, etc. Diese Sätze höre ich heute nicht mehr, weil ich immer wieder gescheitert und besser gescheitert bin. Jeder kann das.

Wenn wir uns das immer wieder bewusst machen, können wir in fast jedem Moment unseres Lebens etwas dazulernen. Dafür braucht es natürlich etwas Mut, aber wer will schon den ganzen Tag auf seinem mentalen Sofa lümmeln, wenn er weiß, dass das Lernen und das spannende Leben nur ein klitzekleines Risiko weit entfernt auf ihn wartet. Und mit Lernen meine ich nicht etwas nur das schulische Lernen, also neues Wissen zu generieren. Vielmehr geht es darum, gewohnte Situationen und Handlungsroutinen zu durchbrechen. Und zwar ganz bewusst. So kannst du zum Beispiel am Morgen einfach mal deine Zähne mit der anderen Hand bürsten, rückwärts aus der Haustür treten, einen anderen Weg zur Arbeit fahren, das sind kleine Herausforderungen mit geringem Risiko.

“Ich bin die Königin der Welt!”

Natürlich kannst du dir auch sofort die volle Breitseite geben, dich auf einen öffentlichen Platz stellen und laut etwas singen oder “Ich bin die Königin der Welt!” ausrufen, das ist dir überlassen. Lass dich jedenfalls nicht davon abhalten etwas zu tun, nur weil du die Angst verspürst, dass es nicht gelingen könnte, dass es peinlich und unangenehm sein könnte. Es lohnt sich, die Risikozone zu betreten.

Ich habe mir ganz persönlich für diesen Sommer vorgenommen, jede Woche mindestens eine Herausforderung zu suchen, die mich aus der Komfortzone reißt und fordert. In dieser Woche habe ich zum Beispiel spontan, dem Bauchgefühl folgend, die Zürcher Seeüberquerung (1,5 Kilometer über den See schwimmen) einfach zweimal gemacht. Ich bin zur Badi Tiefenbrunnen gefahren, habe mein Rad dort abgestellt, bin auf die andere Seeseite (Badi Mythenquai) gelaufen (3,5km), bin von dort mit anderen Teilnehmern 1,5km über den See zur Badi Tiefenbrunnen geschwommen, habe mir dort erneut die Laufschuhe angezogen, bin wieder auf die andere Seite gerannt, um dann knapp 60 Minuten nach dem ersten Mal erneut über den See zu schwimmen.

So etwas habe ich zuvor noch nie gemacht. Es war aufregend, aber nicht zu aufregend. Ich wusste, dass ich es schaffen kann, war also nicht in der Risikozone, gleichzeitig wusste ich auch, dass es ggf. zuviel des Guten sein könnte. Am Ende war ich erschöpft und glücklich. Es gibt sogar einen kurzen Bericht darüber, da das 20-Minuten-Magazin aus Zürich mich spontan begleitet hat. Ich habe am Vortag, um mich selbst in die Pflicht zu nehmen, getwittert, dass ich den See zweimal zu überqueren gedenke. 20 Minuten hat es gesehen und mich gefragt, ob sie darüber berichten dürfen. “Na klar!”, habe ich gesagt und gewusst, dass es von da an kein Zurück mehr geben würde. Heute, wo ich diesen Bericht schreibe, spüre ich Glück und Dankbarkeit für meinen Mut und meine Leistung. Ich bin ein bisschen gewachsen.

Herausfordern ist gut und wichtig

Schon verrückt, welche Geschichten das Leben so schreiben kann. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr, vielleicht mache ich das Ganze dann dreimal, vielleicht aber auch nicht. Denn bei all dem Gechallenge darf ich nicht vergessen, dass das Leben auch ein Genuss ist. Herausfordern ist gut und wichtig, geniessen und achtsam im Moment sein ebenso. Beides kann gut zusammengehen. Schon jetzt bin ich auf der Suche nach der nächsten Herausforderung, die mich wachsen und achtsam zugleich sein lässt. Herausforderung ist übrigens ein sehr schönes Wort. Etwas FORDERT mich heraus, HERAUS, heraus aus meiner Komfortzone.

Wenn du dich gerade fragst, ob du etwas tun oder nicht tun sollst, wenn du das ungute Gefühl bekommst, daran scheitern zu können, dann wage den Schritt. Scheitere (oder auch nicht), freu dich darüber, versuche es wieder, scheitere wieder, scheitere besser. Und wenn dich die Angst vorm Scheitern davon abhält, überhaupt etwas auszuprobieren, dann denke einfach an das Jordan-Zitat zu Beginn dieses Beitrags. Akzeptiere zu Scheitern, aber akzeptiere es nicht, dass du es nicht versucht hast. Vielleicht kann dich dieser Blogbeitrag dazu motivieren. Lass es mich gerne wissen.

Welche Herausforderungen warten zur Zeit auf dich? Was wäre eine Herausforderung wert? Ich freue mich über Ideen und neue Impulse. Und natürlich darüber, wenn du diesen Beitrag teilst und damit andere zum Scheitern motivierst.

Teile diesen Beitrag, wenn er dir gefällt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.